Sternzeichen Regenbogen - Leseprobe

Stefanie hatte abgewartet. Als die Schritte ihres Papas auf dem langen Flur in das Wohnzimmer leise verhallten, schob sie die Decke eine wenig zurück, nahm ihren Teddy und hielt ihn auf Armeslänge vor ihr Gesichtchen.

„Leicht amal für mi, bittschön “, flüsterte sie leise. Kaum waren ihre Worte verstummt, wurden aus den bernsteinfarbenen Glasäuglein des Teddys fun-kelnde Sterne, das Plüschfell strahlte in den Spektralfarben des Regenbogens und erleuchtete damit die kleine Kammer des Mädchens. An der Wand neben ihrem Bett zeichnete sich ein Bogen in denselben Farben – schöner, als er in der Natur nicht vorkommen konnte.

 

Es war Zufall gewesen, dass Stefanie entdeckt hatte, dass sie ihrem Schlafgefährten aus dem kuschelweichen Material dieses Licht entlocken konnte.

Vor ein paar Wochen war es gewesen. Sie hatte die Dunkelheit ihres Kin-derzimmers bedrückend und angsteinflößend empfunden.

Während des Tages lachten kindgerechte Bilder von den Wänden. Puppen saßen einander zugewandt in den Regalen, gerade so, als würden sie sich von lustigen Ereignissen erzählen. Dann waren da noch ein paar Stofftiere und na-türlich auch der liebevolle Krims-Krams, den wohl jedes Kind aufbewahrt. Kaum jedoch sank die Sonne hinter den Horizont, verwandelte sich das helle Zimmer in ein Gefängnis aus Finsternis, wo Schatten flüsterten und die Wände immer enger zusammenzurücken schienen, als wollten sie Stefanie erdrücken.

Mit verhaltener Stimme hatte sie ihrem Teddy das Geheimnis anvertraut, dass sie sich fürchtete: „Waunst a bissel a Licht einabringen tätast, war i da scho sehr dankbar. “ Das Mädchen drückte Brummel, so hatte sie den Teddy, den sie einst als erstes Geschenk von ihrer Mama erhalten hatte, getauft, fest an sich.

Sekunden später flackerte, erst sehr zögernd, dann immer stärker, ein schwaches Licht durch die Kuschellocken. Ungläubig starrte das Kind auf das Stofftier. „Wos is denn des leicht? Hob i jetzt wo druckt, dass d’ leichst? “ Stefa-nie drehte und wendete den Teddy, um den Knopf zu finden, an dem es scheinbar unbeabsichtigt angekommen war. Kopfschüttelnd gab das Mädchen die Suche nach einiger Zeit auf. Das Licht des Teddys blieb.

Stefanie fühlte sich behütet, weil das bunte Licht ihr Sicherheit schenkte, und schlief mit einem bezaubernden Lächeln auf den Lippen ein. In dieser Nacht träumte sie einen besonderen Traum.

 

Sie spielte auf der mit unzähligen wildwachsenden Bergblumen geschmückten Weide – unweit ihres Zuhauses. Fröhlich bückte sie sich hier und da, um ein paar der duftenden Blumen zu pflücken. Der Papa würde sich bestimmt über den bunten Gruß freuen. Aus heiterem Himmel war dann da ein Regenbogen, der sich, wie aus dem Nichts gekommen, plötzlich über die Wiese spannte. Neugierig schlenderte Stefanie auf dieses Naturschauspiel zu. Normalerweise erschien ein Regenbogen doch am Himmel und war nie so nah, dass man ihn fast angreifen konnte. Je näher sie kam, desto intensiver wurde das Licht. Die Lichtbalken des Bogens verschmolzen fließend mit dem intensiven Grün der Weide und die Farben spiegelten das Bunt der Weideblumen wieder. Das Kind streckte vorsichtig den Arm nach vorn. Konnte man den Regenbogen gar berühren?

 

„Stefanie, aufstehen!“, klang die väterliche Stimme, die sie damals geweckt hatte. Zu gerne hätte das Mädchen weitergeträumt. Träume kommen ja nicht wieder, hatte man ihr erzählt. Schade!

 

Seltsam genug, dass seither jede Nacht dieselbe Begegnung im Traum stattfand. Noch seltsamer, dass just immer in dem Augenblick, als Stefanie den Bogen berühren wollte, der Vater ins Zimmer kam, um sie zu wecken.

 

Bis auf diese Nacht, beziehungsweise diesen ganz besonderen Morgen.

 

Der Regenbogen fühlte sich kühl an. Aber nicht unangenehm, wie Stefanie fand. Das Licht umfing das Kind und hüllte es ein wie eine schützende Decke. Leicht und unbeschwert. Glücklich. Lachen. Das Fühlen, als wäre die Mama da und reichte ihr die Hand.

 

„Guten Morgen, mein liebes Kind.“ Der Vater strich ihr zärtlich über die Stirn. Wie ein kleiner Engel sah sein Töchterchen aus. Die blonden Locken umrahmten den Kopf des Kindes, das selig schlummernd auf dem Kissen ruhte. Seine Wangen waren leicht gerötet und auf den Lippen lag ein glückliches Lächeln. Es schien, als hätte die Tochter schöne Träume gehabt.

An diesem Abend hatte es begonnen. Sternenregen fiel vom Nachthimmel, gleich einem hellen Schauer. So schön das Schauspiel auch war, ließ es eine ungekannte Beklemmung in dem Mann wachsen. Nein, es war nicht Furcht – nur ... Er wusste nicht, wie er es nennen sollte.

 

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