Aus der Sicht eines Weihnachtsbaums - Leseprobe

Nur langsam mühte die Sonne sich heute hinter dem Bergkamm hervor. Zwar konnte ich schon das goldene Licht erkennen, das den Winternebel in seine Schranken wies – aber nur ahnen, dass es auch heute wieder ein strahlend schöner Dezembertag werden würde.

Ich schüttelte meine Äste ein wenig im morgendlichen Lüftchen. Abgestor-bene und dürre Nadeln hatten an mir nichts zu suchen. Schließlich war ich nicht irgendwer. Mein Stamm sollte einen ganz besonderen Platz bekommen; Hatten die Männer so gesagt, die vor einigen Wochen prüfend ihre Hände über meine knorrige Rinde gleiten ließen.

Der Traum jeder Tanne würde sich für mich erfüllen. Ein Weihnachtsbaum – ja, ich würde ein geschmückter Christbaum sein und Kinderaugen zum Strahlen bringen. Sogar ganz viele Kinderaugen, wie ich gehört habe.

Der Bauer, auf dessen Waldboden ich gewachsen bin, hat mich einem Kin-derheim gespendet. Das ist ein Haus, wo viele Mädchen und Buben wohnen, die keine Eltern haben oder von ihren Familien getrennt leben müssen. Und genau dort sollte ich am Heiligen Abend für ein bisschen Glückseligkeit sorgen mit meinem Anblick.

Gespannt wartete ich auf den Tag, an dem man mich abholen würde. Es sollte geschehen, wenn der Mond … Was war das nun gleich? Abnehmend, zunehmend, Halbmond oder Vollmond? Hmm, ich habe es schlichtweg ver-gessen. Ehrlich gesagt habe ich in den letzten Nächten nicht einmal einen Blick auf die milchige Scheibe da oben geworfen. Wenn ihr es nicht verratet, dann sag ich euch, dass ich da meist schlafe. Könnt ihr mein Nadelzwinkern sehen?

Ah, meine kleinen gefiederten Freunde waren auch schon wach. Ein wenig wehmütig wurde mir schon ums Herz, wenn ich daran dachte, dass ich ihr Singen und Zwitschern dann nicht mehr hören würde. Oder wie lustig es kitzelte, wenn das Eichkätzchen meinen Stamm hinaufkletterte und von Ast zu Ast hüpfte. Schnee würde wohl auch keiner mehr meine Äste unter sich verstecken. Darunter war es immer so ruhig und beschaulich.

Aber das ist wohl so im Leben. Manchmal muss man etwas zurücklassen, um Neues zu erkunden. Und die Vorfreude darauf, was meine Bestimmung sein würde, erfüllte mich mit Stolz.

 

Unruhe und eine nicht zu benennende Nervosität herrschte heute im Wald. Viele rote und auch blaue Bänder waren seit Wochen um Stämme von Tannen-Nachbarinnen geschlungen. An diesen Bändern flatterten kleine, weiße Kärtchen im Dezemberwind.

Meine unmittelbare Nachbarin, eine gut zwei Meter hohe Vertreterin unserer Zunft, erzählte mir, dass darauf die Namen der Leute standen, die einen Baum gekauft hatten, um ihn für dieses Weihnachtsfest nach Hause zu holen.

Um meine Rinde war ein zartgrünes Band geflochten. Es sah ein wenig an-ders aus als die breiten Stoffbänder, die sonst verwendet worden waren. Meines hatte mir ein dunkelhaariges Mädchen umgebunden; damals, vor vielen Wochen. Gelacht hatte sie und war gesprungen, als der Förster ihr geholfen hatte, die schöne Schleife zu binden. Das Kind hatte immer wieder nachgefragt, ob es jetzt wirklich den Baum für seine Freundin ausgesucht hätte. Wenn ich so meine Nadelspitzen befrage, musste der bärtige Mann an der Seite des Kindes wohl mehr als zehn Mal zustimmend genickt haben.

Knacken im Unterholz.

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